Umweltminister Markus Söder (CSU) über Nationalparke in Bayern und Ökologie als Zukunftsthema
von Peter Issig
Welt am Sonntag: Der Nationalpark Bayerischer Wald feiert Jubiläum, er besteht seit 40 Jahren. Wann sind Sie zuletzt dort gewandert?
Markus Söder: Erst vor zwei Wochen. Der Nationalpark ist ja einer der schönsten Flecken Erde, die Bayern zu bieten hat.
Welt am Sonntag: Schön, aber auch umstritten bei der ortsansässigen Bevölkerung. Hat sich die Nationalpark-Idee bewährt?
Söder: Ja. Es ist ein großer Schutz- und Lebensraum für Tiere und Pflanzen. Auf einem Großteil der Fläche gilt das Prinzip “Natur Natur sein lassen”. Der Nationalpark ist ein wichtiger ökologischer Rückzugsraum. Er ist aber auch zu einem starken ökonomischen Faktor geworden. Der Nationalpark hat in den vergangenen 40 Jahren wesentlich zur Stärkung der Region Bayerischer Wald beigetragen.
Welt am Sonntag: Touristenrummel und Nationalpark, vertragen sich diese beiden Konzepte?
Söder: Das “Fort Knox” Bayerns ist seine vitale Natur. In den Nationalparken wird dieser Schatz bewahrt. Die beiden bayerischen Nationalparke im Bayerischen Wald und in Berchtesgaden sorgen für eine jährliche Wertschöpfung im Tourismus von 36 Millionen Euro.
Welt am Sonntag: Gerade ökonomische Fragen sorgen für Ärger. Bauern und Waldbesitzer klagen wegen des Borkenkäfers und der eingeschränkten Bewirtschaftung am Rand des Nationalparks.
Söder: Natürlich braucht es einen sensiblen Dialog mit allen Beteiligten. Gerade für angrenzende Bauern und Waldbesitzer gibt es keine Nutzungseinschränkungen. Die Nationalparkverwaltung sorgt dafür, dass es nicht zu einem Übergreifen des Borkenkäfers auf Privatwälder kommt. Außerdem wird die Borkenkäfer-Bekämpfung wissenschaftlich begleitet. Zudem haben die Übergangsfristen für die geplante Ausweitung der Naturzonen für große Akzeptanz vor Ort gesorgt.
Welt am Sonntag: Auch bei Landwirtschaftsminister Helmut Brunner, der aus der Region kommt und schon deutlich Kritik geübt hatte?
Söder: Wir arbeiten sehr gut zusammen.
Welt am Sonntag: Sie haben angekündigt, den sanften Naturtourismus in Bayern zu fördern. Wie soll das geschehen?
Söder: Das Lebensland Bayern steht für einzigartige Naturreiseziele. Viele Naturschätze bedeuten für die Tourismusbranche einen klaren Standortvorteil. Neben den Nationalparken zählen viele Naturparke, der Geopark im Ries, das Biosphären-Reservat Rhön, unsere Voralpenseen oder das europäische Schutzgebiet “Allgäuer Hochalpen” dazu. Diese spannenden Orte wollen wir im bayerischen Tourismuskonzept verknüpfen und stärker bewerben. Wir wollen die hohe Naturqualität erhalten und zugleich seltene Lebensräume von Tieren und Pflanzen für Menschen erlebbar machen, ohne die Gebiete zu gefährden.
Welt am Sonntag: Wie geht es im Steigerwald weiter? Bekommt Unterfranken auch bald einen Nationalpark?
Söder: Es gibt für einen Nationalpark dort derzeit keine breite gesellschaftliche Akzeptanz. Das wäre aber wichtig. Dagegen werden wir das benachbarte Biosphären-Reservat Rhön deutlich ausweiten. Diese Initiative wird vor Ort sehr begrüßt. Wir errichten dort als großes Umweltbildungsprojekt das “Grüne Klassenzimmer”. Solche Einrichtungen steigern die Attraktivität einer ganzen Region.
Welt am Sonntag: Hat man Ihr Argument, dass ein Nationalpark auch wirtschaftlichen Nutzen bringt, im Steigerwald nicht verstanden?
Söder: Stehen die Menschen vor Ort nicht hinter der Idee eines Nationalparks, ist am Ende auch die ökonomische Wirkung begrenzt. Für den sanften Tourismus ist Ökologie der Schlüssel zum Erfolg. Die Natur darf aber nicht zu einem Disneyland verkommen. Stattdessen braucht es nachhaltige Entwicklungskonzepte.
Welt am Sonntag: Stichwort Disneyland. In den Alpen entstehen immer mehr Ausflugsziele mit Eventcharakter, wie der Alpspix, die Aussichtsplattform im Zugspitzmassiv. Wie sieht der Umweltminister diese Entwicklung?
Söder: Grundlegend skeptisch. Denn je sensibler die Naturräume sind, umso vorsichtiger muss man mit ihnen umgehen. Aber die Alpen sind nicht nur ein Naturschutzgebiet, auch Leben und Wirtschaften muss hier möglich sein. Deswegen muss man sehr genau abwägen.
Welt am Sonntag: Ist der Naturschutz in Krisenzeiten nicht automatisch zweitrangig?
Söder: Nein, die Umfragen belegen das Gegenteil. Das Bewusstsein für Umwelt- und Naturschutz ist hoch. In Bayern ist es besonders ausgeprägt. Nicht nur die Folgen der Ölkatastrophe vor Louisiana zeigen uns die Grenzen des Fortschritts. Für uns steht die Bewahrung der Schöpfung im Mittelpunkt. Wir leben in einem christlich geprägten Land. Unsere klein strukturierte Landwirtschaft hat eine besondere Nähe zur Natur. Bayern hat schon immer von seiner Landschaft gelebt. Die Menschen besitzen deswegen eine besondere Sensibilität für die Umwelt. Mit einem Einklang von Ökologie und Ökonomie können wir auch weiterhin gute Fortschritte erzielen.
Welt am Sonntag: Aber Bayern ist auch Spitze beim Flächenverbrauch, rund 16 Hektar werden täglich versiegelt.
Söder: Entlang der Entwicklungsachsen in unserem Land haben wir einen zu hohen Flächenverbrauch. In anderen Regionen ist es schwierig, erschlossene Flächen überhaupt noch zu nutzen.
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